Wenn vom Jäger die Rede ist, denken viele an Kimme, Korn und einen lauten Knall. Vielleicht etwas zu schnell geschossen, denn die Haupttätigkeit des Jägers liegt woanders – im Hegen und Pflegen der heimischen Tier- und Pflanzenwelt.

Es ist früh, sehr früh, wenn sich Fabian Breitenmoser auf den Weg macht. Der passionierte Jäger schultert seinen Rucksack und das Jagdgewehr, hängt sich das Fernglas um und läuft los. Lange vor der aufgehenden Sonne und dem Alpstein entgegen. «Wer die Wildtiere beim Äsen treffen will, muss bei Dämmerung bereits an der Lichtung sein», weiss der kundige Naturfreund. Es können gut und gerne 8 Kilometer werden, die Breitenmoser an diesem langen Tag zurücklegen wird. Deshalb hat er neben Jagdpatent, Jagdausweis, Weidmesser, Frischhaltebeutel, Gehör- und Regenschutz auch reichlich Wasser und Verpflegung dabei.

Jäger erfüllen einen gesellschaftlichen Auftrag.
Die Aufgabe des Jägers ist die Bewahrung der biologischen Vielfalt. Konkret heisst dies u. a. Rehkitzrettung, forstliche Aufwertung und Regulation der Wildtierbestände. Denn wachsende Populationen verursachen vielerorts massive Schäden an Wald und landwirtschaftlichen Kulturen.

Nur wer wie Breitenmoser die heimische Flora und Fauna bestens kennt, bemerkt auch Veränderungen. Beispielsweise, dass die Lebensräume des Rotwilds zur Gänze besetzt sind. Die Tiere suchen sich folglich ein neues Terrain, in dem sie anfänglich konkurrenzlos sind. Das Resultat ist ein exponentielles Wachstum der Rotwildbestände, in das die Jäger behutsam eingreifen. Um diese Zusammenhänge in der Natur zu erkennen, wird in der 3-jährigen Jägerausbildung ein fundiertes und vernetztes Wissen über Wildkunde und Ökologie vermittelt. Zudem tauscht sich Breitenmoser immer wieder mit Bauern, Waldbesitzern und Förstern aus.

«Früher haben Jäger das Wild im Winter gefüttert. Heute weiss man, eine Fütterung durch den Menschen bringt die Tiere nur aus dem natürlichen Gleichgewicht.»

Die Jagd ist streng reglementiert. 
Im Kanton Appenzell Innerrhoden dauert die Hauptjagdzeit von Anfang September bis Ende Februar. In dieser Zeit ist die Jagd nach vorgegebener Art und Anzahl ausserhalb der Schutzgebiete erlaubt. Je nach Jagdzeit darf nur Hochwild (Rehe, Hirsche, Gämse etc.) oder Niederwild (Füchse, Dachse etc.) gejagt werden.

Auf der «lauten» Niederwildjagd werden Hunde (z.B. Tiroler Bracke, Jura Laufhund, Schwyzer Laufhund) zum sogenannten «Brackieren» eingesetzt. Die feinnasigen Hunde spüren eine kalte Fährte auf und folgen ihr stumm in den Einstand. Stossen sie auf die warme Spur des frisch aufgescheuchten Wildes, verfolgen sie es langsam mit ständigem Laut. Liegt ein Stück Wild auf den Schuss nicht leblos am Boden, kommt der Schweisshund mit seinem Führer zum Einsatz und nimmt die Verfolgung auf. Das Jagdhorn dient der Kommunikation und Traditionspflege. «Früher haben Jäger das Wild im Winter gefüttert. Heute weiss man, eine Fütterung durch den Menschen bringt die Tiere nur aus dem natürlichen Gleichgewicht.»

Bei Verkehrsunfällen mit Wildkontakt sorgt der Jäger für Erlösung. 
Sehr oft werden Jäger mit ihren geprüften Schweisshunden auch bei Verkehrsunfällen mit Wild aufgeboten. Gut ausgebildete Hunde sind in der Lage, einer mehrere Tage alten Fährte zu folgen, um das verletzte Tier aufzuspüren und zu erlösen.

Auf seinem 12-stündigen Rundgang hat Breitenmoser am Fusse des Alpsteins Verbissund Schälschäden an Weistannen und Fichten bemerk. Die tief verwurzelten Edeltannen sind im Bergschutzwald unentbehrlich. Deshalb wird der besorgte Breitenmoser umgehend Kontakt mit dem Förster aufnehmen. Am Ende könnte auf den Blick durch Kimme und Korn doch noch ein lauter Knall folgen.

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